Leseprobe

1. Dezember

Liebes Menschenkind

Freust du dich auf Weihnachten? Nur noch 24 Tage und dann ist es soweit! Bist du schon so aufgeregt, dass du kaum mehr schlafen kannst? So geht es vielen Kindern auf der Welt. Da ist aber noch jemand, der den Weihnachtsabend kaum erwarten kann! Möchtest du ihn kennenlernen? Dann komm mit und begleite mich. Ich zeige dir den Weg! Wir verlassen das Menschendorf mit den vielen Lichtern und den lauten Autos. Siehst du den schmalen Kiesweg, der übers Feld führt? Den müssen wir nehmen. Mach dir keine Sorgen, weil es schon dunkel ist. Der Mond leuchtet uns den Weg. Hörst du das Plätschern? Es ist der Rabenbach. Wir spazieren am Ufer entlang. Er führt uns direkt ans Ziel. Nun stehen wir unter hohen, mächtigen Tannen. Hier beginnt der Wald und in diesem Wald beginnt meine Geschichte …

1.12. mit geschlossenem Fenster

Im Wald ist es Nacht geworden. Der Mond steht hoch am Himmel und beleuchtet die dunklen Tannen. Vor ein paar Stunden hat es zu schneien begonnen. Leise tänzeln die Schneeflocken vom Himmel zur Erde und bilden dort eine immer dicker werdende Schneedecke. Es ist still und bitterkalt in dieser Winternacht des 1. Dezembers. Die Tiere haben sich alle ein warmes Versteck gesucht, wo sie sich zum Schlafen hingelegt haben.

Mitten in diesem Wald, zwischen hohen Tannen, am Ufer des Rabenbachs, befindet sich eine kleine Höhle. Während die Tiere des Waldes bereits tief und fest schlafen und träumen, brennt in dieser Höhle noch ein Licht. Eine winzig kleine Laterne beleuchtet den schwarzen Eingang. Wer wohl darin wohnt?

1.12. mit offenem Fenster

2. Dezember

2.12. mit geschlossenem Fenster

In der winzigen Höhle, mitten im Tannenwald, lebt der Zwerg Stupf. Sein Zuhause hat er liebevoll und sehr gemütlich eingerichtet. Stupf isst alles, was man im Wald so finden kann: Beeren, Kräuter und Pilze.

Sein Lieblingspilz ist der Fliegenpilz. Eines Tages hatte er ein kleines Stück davon probiert. Kurz darauf bekam er furchtbare Bauchschmerzen. Herr Dachs, der Walddoktor, musste ihn gesund pflegen. Seither weiss der Zwerg, dass der Fliegenpilz giftig ist.

Stupf mag den Fliegenpilz trotzdem, weil er so schön aussieht: Rot – seine Lieblingsfarbe – mit weissen Punkten. In seiner Höhle entdeckt man überall Gegenstände mit dem lustigen Muster des Fliegenpilzes: Fliegenpilzvorhänge, eine Fliegenpilzbettdecke, eine Fliegenpilzuhr, einen Fliegenpilzlöffel, Fliegenpilzgläser, ein Fliegenpilzsitzkissen, ja sogar Fliegenpilzpantoffeln! Und seine Fliegenpilzmütze zieht der kleine Zwerg nur zum Schlafen aus.

Stupf ist im ganzen Wald berühmt für seine Glückssuppe. Sie wird nach einem alten Familienrezept zubereitet. Man kocht vierblättrige Kleeblätter und würzt sie mit einer weiteren Zutat, die Stupf an dieser Stelle noch nicht verraten will. Wer von dieser Suppe isst, hat für mehrere Stunden unglaublich viel Glück.

Stupf ist der einzige Zwerg im Wald. Einsam fühlt er sich deshalb jedoch nicht. Der Fuchs, die Maus, das Eichhörnchen, der Dachs, der Uhu, das Reh, der Hirsch, eigentlich alle Tiere des Waldes kennen und mögen ihn sehr.

Stupfs allerbester Freund wohnt am anderen Ende des Waldes. Weil es wirklich sein aller-, aller-, allerbester Freund ist, hat er ein Bild von ihm aufgehängt, direkt über seinem Bett, wo er ihm jeden Abend «Gute Nacht» und gleich nach dem Aufwachen einen «Guten Morgen» wünschen kann. Was denkst du, wer es ist?

2.12. mit offenem Fenster

3. Dezember

3.12. mit geschlossenem Fenster

«Guten Morgen, Bruno Bär», begrüsst Stupf seinen allerbesten Freund im goldenen Bilderrahmen. «Heute werde ich dich überraschen!» Der kleine Zwerg lächelt verschmitzt, kratzt sich am Kopf und zieht seine Fliegenpilzmütze an. Bruno Bär machte früher im Winter jeweils einen Winterschlaf, so wie das normale Bären eigentlich machen. Aber Bruno Bär ist ein spezieller Bär. Seit ihm Stupf von Weihnachten vorgeschwärmt hat, stellt er immer den Wecker, der am Morgen des 1. Dezembers klingelt. Die aufregende Adventszeit möchte er sich nie mehr entgehen lassen!

Stupf war gestern noch sehr lange wach. Er freut sich auf das bevorstehende Weihnachtsfest mit den Waldtieren, das er dieses Jahr wieder organisieren möchte. Vor lauter Aufregung ist er nie mehr müde. Ausserdem hat er noch vieles zu erledigen. Gestern Abend schnitt er aus glänzendem Goldpapier 105 Sterne aus, die er zur Dekoration an die dunklen Höhlenwände hängte. Nun funkelt und glitzert es überall. Stupf betrachtet zufrieden sein Werk. Auch heute möchte er sich nicht ausruhen. Schnell packt er sein Wanderbündel und stellt es am Höhleneingang bereit. Gleich nach dem Frühstück möchte er aufbrechen. Heute will er ans andere Ende des Waldes reisen und seinen Freund Bruno Bär besuchen. Sein Besuch soll eine Überraschung werden. Deshalb ist Stupf gleich doppelt so aufgeregt. Er freut sich auf die grossen Augen seines Freundes, wenn er sein Wanderbündel aufschnürt und ihm erzählt, was er mit ihm vorhat! Weisst du es?

3.12. mit offenem Fenster

4. Dezember

4.12. mit geschlossenem Fenster

Stupf möchte mit Bruno Bär gemeinsam Weihnachtsguetzli backen. Die Sorte mit Honig mag sein Freund besonders gern. Mit Bruno Bär wird es bestimmt sehr gemütlich. Sie werden den ganzen Tag arbeiten und Weihnachtslieder singen. Zum Schluss werden natürlich alle Sorten probiert. Stupf kann es kaum erwarten. Schnell schnappt er sein Wanderbündel, schliesst den Eingang zu seinem Höhlenreich und spaziert fröhlich hinunter zum Rabenbach. Brrr, es ist immer noch bitterkalt. Stupf zieht seine Fliegenpilzmütze über die Ohren. Am Ufer des Rabenbachs sieht der kleine Zwerg sein Fliegenpilzboot. Es schwankt im eisigen Wind hin und her. Wenn Stupf seinen Bärenfreund am anderen Ende des Waldes besuchen möchte, braucht er nur in sein Boot zu hüpfen. Dann geht es von alleine bachabwärts bis zu Brunos Höhle. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde. Müsste Stupf den Weg zu Fuss zurücklegen, wäre er drei Tage und drei Nächte unterwegs! Für den Heimweg darf Stupf, zusammen mit seinem Fliegenpilzboot, jeweils auf Brunos Rücken steigen und sich an seinem Fell gut festhalten. Sein Freund braucht für den Heimweg nur eine halbe Stunde, denn er ist gross und stark.

So, nun hat Stupf das Ufer des Rabenbachs erreicht. Er wirft sein Wanderbündel ins Fliegenpilzboot und möchte gerade einsteigen, als er im Bach etwas entdeckt. Sein Blick schweift weiter bachabwärts. Das, was er da sieht, gefällt ihm gar nicht. «Oh nein», sagt Stupf enttäuscht und setzt sich traurig in den kalten Schnee. Was hat Stupf im Fluss entdeckt?

4.12. mit offenem Fenster

12. Dezember

12.12. mit geschlossenem Fenster

«Uaaah», gähnt Stupf. Er hat die halbe Nacht über eine Lösung nachgedacht und ist gleich am Küchentisch mit dem Kopf auf den Armen eingeschlafen. Er hat sich einen tollen Plan ausgedacht. Dafür braucht er jedoch die Mithilfe der Waldtiere. «Es wird klappen», denkt Stupf. «Das Weihnachtsfest wird mit Bruno Bär stattfinden!»

Gleich nach dem Frühstück macht sich Stupf auf den Weg. Sein erstes Ziel ist Familie Stachel. Die Igelfamilie wohnt ganz in der Nähe der Zwergenhöhle. Papa Igel hat seiner Familie aus Herbstblättern und Ästen ein warmes Nest gebaut, wo sie nun den kalten Winter verbringt. Als Stupf vor der Igelwohnung steht, ist es ganz still, eigenartig still. Familie Stachel ist doch hoffentlich nicht in die Ferien gefahren? Stupf klopft an die Haustüre. Nichts. Er streckt sein Ohr an die Tür und horcht. Da hört er ein leises Geräusch. Es tönt wie … Schnarchen! Leise öffnet Stupf die Tür einen Spaltbreit und steckt seinen Kopf hinein. Mama, Papa und der kleine Igel Sebastian schlafen zusammengerollt tief und fest. Stupf räuspert sich. Sebastian erwacht als Erster. «Mama, Papa, wacht auf! Stupf besucht uns!» «Ja, guten Tag, Stupf», begrüsst ihn Mama Igel müde. «Ist denn schon Frühling?» «Nein, nein», erwidert Stupf. «Aber bald ist Weihnachten und ich brauche dringend eure Hilfe!» «Weihnachten? Wir haben noch nie Weihnachten gefeiert», erklärt Papa Igel. «Wir machen in der kalten Jahreszeit einen Winterschlaf und erwachen erst im Frühling wieder.» «Oh, oh, oh», stottert Stupf. «Das tut mir leid, ich wollte euch nicht wecken.» Er hält seine Fliegenpilzmütze in den Händen und schaut beschämt zu Boden. «Weihnachten! Wir feiern Weihnachten», jubelt der kleine Igel. «Kein Problem», schmunzelt Herr Stachel. «Wir können ja nach Weihnachten noch einmal eine Runde schlafen. Wie können wir dir helfen, Stupf?»

Da erzählt der Zwerg die ganze Geschichte und schildert ihnen seine Idee, wie sie Bruno Bär gemeinsam helfen könnten. Familie Stachel hört aufmerksam zu und ist plötzlich hellwach. «Wir würden dir gerne helfen», sagt Mama Igel. «Aber ich befürchte, dass wir draussen schrecklich frieren werden! Wir Igel sind es uns nicht gewohnt, im Winter draussen im Schnee zu sein!» «Ich habe eine Idee!» ruft Stupf. «Ich bin gleich wieder zurück!»

Schnell springt er auf und läuft nach Hause. Zurück kommt er mit einem blauen Paket. Die Igelfamilie versammelt sich neugierig um das Geschenk. «Damit werdet ihr nicht frieren», verkündet Stupf. «Vielen Dank, dass ihr mir helft!» Was ist wohl im Paket drin?

12.12. mit offenem Fenster

13. Dezember

13.12. mit geschlossenem Fenster

«Als nächstes besuche ich Rosamunde», beschliesst Stupf. Rosamunde ist eine ältere Spinnendame. Ihr Zuhause ist eine Burgruine, die sie zusammen mit vielen Fledermäusen bewohnt. Rosamunde ist im Wald berühmt für ihre starken Spinnennetze. Sie sind so stark, dass man darauf sogar Trampolin springen kann. An verregneten Tagen verwandelt Rosamunde die Burgruine in ein riesiges Springparadies. Man kann von einem Spinnennetz zum anderen springen oder über die Mauern der Burgruine balancieren. Wer müde ist, kann sich in einem Netz, wie in einer Hängematte, ausruhen.

Rosamunde hat noch eine andere Begabung. Sie ist eine wundervolle Geschichtenerzählerin. Ihre Spezialität sind Gruselgeschichten. An dunklen Herbstabenden lädt sie die Waldtiere und Stupf zu sich in die Burgruine ein. Wenn draussen der Herbststurm tobt, der eisige Wind durch die Ritzen pfeift, der Regen auf den Waldboden prasselt und die Burgruine im Schein der Kerzen gespenstisch schön erstrahlt, versammeln sich die Tiere und der Zwerg um die Spinne und vergessen für eine Weile die Zeit.

Stupf steht am Eingang der Burgruine. «Rosamunde!», ruft Stupf. Seine Stimme tönt laut im Innern der Burg. «Wo bist du?» «Ich bin hier oben am Fenster», ertönt Rosamundes Stimme. «Warte, ich komme runter zu dir!» Die Spinne lässt sich an einem Faden zu Boden gleiten. «Ich bin gerade am Basteln für Weihnachten», erklärt Rosamunde. «Ich webe Topflappen.» «Schön, dich zu sehen», sagt Stupf. Er bewundert Rosamunde für ihren Fleiss und ihre tollen Ideen. Sie scheint sich nie auszuruhen. «Ich brauche deine Hilfe», fährt Stupf fort. Der Zwerg erzählt vom grossen Unglück und dass er nicht ohne Bruno Bär Weihnachten feiern möchte. «Oje, der arme Bruno», seufzt Rosamunde voller Mitleid. «Klar werde ich dir helfen! Ich befürchte nur, dass ich draussen im Schnee zu kalt haben werde … Hier in der Burg bin ich doch etwas geschützt gegen die eisigen Temperaturen.» «Ich hab dir etwas mitgebracht», sagt Stupf geheimnisvoll. Er zieht ein gelbes Paket hinter seinem Rücken hervor. «Damit wirst du nicht frieren», sagt er. «Danke, dass du mir hilfst!» Was kriegt Rosamunde geschenkt?

13.12. mit offenem Fenster

14. Dezember

14.12. mit geschlossenem Fenster

Weihnachten rückt immer näher. Jeden Tag ein Stück mehr! Stupf freut sich, dass Familie Stachel und Rosamunde ihm ihre Hilfe zugesichert haben. Er ist voller Zuversicht, dass dies auch die übrigen Tiere noch tun werden.

Am heutigen Morgen macht er sich auf den Weg zum Funkelteich. In einer Vollmondnacht oder an einem sonnigen Tag glitzert und funkelt der Teich, als wäre er mit Tausenden von Diamanten gefüllt. Daher der Name Funkelteich. In diesem Teich wohnt Familie Biber. Sie bezeichnen sich als die reichsten Tiere des Waldes, weil sie ein so kostbares und wunderschönes Zuhause haben. Familie Biber ist jedoch nicht geizig, sondern teilt ihr Glück gerne mit den übrigen Waldbewohnern. So organisieren sie in jeder klaren Vollmondnacht ein Mitternachtsschwimmen. Alle die Lust haben, dürfen dann im funkelnden Wasser schwimmen oder sich von den Bibern in einem kleinen Boot über den Teich ziehen lassen.

Als der Zwerg das Ufer erreicht, dreht Papa Biber gerade seine Morgenrunden im Teich. Papa Biber pflegt immer zu sagen, dass Schwimmen die beste Sportart sei, um sich fit zu halten. Stupf schwenkt seine rote Fliegenpilzmütze zum Gruss. Papa Biber taucht auf und strahlt übers ganze Gesicht, als er den Zwerg sieht. «Was für eine schöne Überraschung! Guten Morgen mein Freund!», sagt der Biber. «Wer ist da?» Ronja, die Tochter von Papa Biber, streckt ihren Kopf aus der Biberburg. «Guten Morgen», sagt Stupf. «Schön, dass es euch gut geht. Meinem Freund Bruno Bär geht es leider gar nicht gut. Er hat sich das Bein gebrochen. Deshalb brauche ich eure Hilfe. Ich plane ein grosses Weihnachtsfest unter der hohen Tanne bei der Waldlichtung. Die Waldtiere helfen mir, Bruno Bär an diesen Ort zu bringen, damit er mit uns feiern kann. Bruno Bär kann sich jedoch mit seinem gebrochenen Bein nicht in den Schnee setzen. Er braucht ein Bett. Ihr habt so gute Zähne. Eure Biberburg habt ihr ja auch selber gebaut. Wäre es euch möglich, für Bruno Bär unter der hohen Tanne ein Bett zu bauen?» «Das machen wir sehr gerne», erwidert Papa Biber. «Das geht wirklich nicht, dass Bruno Bär alleine Weihnachten feiern muss.» «Vielen Dank, dass ihr mir helft!», freut sich der Zwerg. «Sagt mal, warum habt ihr eigentlich so gute Zähne?»

14.12. mit offenem Fenster