Leseprobe

Zwerg Stupf und das Wunder der Freundschaft

1. Dezember

Freust du dich auf Weihnachten? Nur noch 24 Tage und dann ist es so weit! Bist du schon so aufgeregt, dass du kaum mehr schlafen kannst? So geht es vielen Kindern auf der Welt. Da ist aber noch jemand, der den Weihnachtsabend kaum erwarten kann! Möchtest du ihn kennenlernen? Dann komm mit und begleite mich! Ich zeige dir den Weg. Wir verlassen das Menschendorf mit den vielen Lichtern und den lauten Autos. Siehst du den schmalen Kiesweg, der übers Feld führt? Den müssen wir nehmen. Mach dir keine Sorgen, weil es schon dunkel ist. Der Mond leuchtet uns den Weg. Hörst du das Plätschern? Es ist der Rabenbach. Wir spazieren seinem Ufer entlang. Er führt uns direkt ans Ziel. Nun stehen wir unter hohen, mächtigen Tannen. Hier beginnt der Wald und in diesem Wald beginnt meine Geschichte …

Im Wald ist es Nacht geworden. Der Mond steht hoch am Himmel und beleuchtet die dunklen Tannen. Vor ein paar Stunden hat es zu schneien begonnen. Leise tänzeln die Schneeflocken vom Himmel zur Erde und bilden dort eine immer dicker werdende Schneedecke. Es ist still und bitterkalt in dieser Winternacht des 1. Dezembers. Die Tiere haben sich alle ein warmes Versteck gesucht, wo sie sich zum Schlafen hingelegt haben. Mitten in diesem Wald, zwischen hohen Tannen, am Ufer des Rabenbachs, befindet sich eine kleine Höhle. Während die Tiere des Waldes bereits tief und fest schlafen und träumen, brennt in dieser Höhle noch ein Licht. Eine winzig kleine Laterne beleuchtet den schwarzen Eingang.

Wer wohnt wohl in dieser Höhle?

1.12. mit geschlossenem Fenster

 

In der winzigen Höhle, mitten im Tannenwald, lebt der Zwerg Stupf.

 

 

2. Dezember

Sein Zuhause hat er liebevoll und sehr gemütlich eingerichtet. Stupf isst alles, was man im  Wald so finden kann: Beeren, Kräuter und Pilze.

Sein Lieblingspilz ist der Fliegenpilz. Eines Tages hatte er ein kleines Stück davon probiert. Kurz darauf bekam er furchtbare Bauchschmerzen. Herr Dachs, der Walddoktor, musste ihn gesund pflegen. Seither weiss der Zwerg, dass der Fliegenpilz giftig ist.

Stupf mag den Fliegenpilz trotzdem, weil er so schön aussieht: rot – seine Lieblingsfarbe – mit weissen Punkten. In seiner Höhle entdeckt man überall Gegenstände mit dem lustigen Muster des Fliegenpilzes: Fliegenpilzvorhänge, ein Fliegenpilzbett, eine   Fliegenpilzbettdecke, eine Fliegenpilzuhr, einen Fliegenpilzlöffel, ein Fliegenpilzsitzkissen,
ja sogar Fliegenpilzpantoffeln! Und seine Fliegenpilzmütze nimmt der kleine Zwerg nur zum Schlafen ab.

Stupf ist im ganzen Wald berühmt für seine Glückssuppe. Sie wird nach einem alten Familienrezept zubereitet. Man kocht vierblättrige Kleeblätter und würzt sie mit einer
weiteren Zutat, die Stupf noch nicht verraten will. Wer von dieser Suppe isst, hat während mehrerer Stunden unglaublich viel Glück.

Stupf ist der einzige Zwerg im Wald. Einsam fühlt er sich deshalb jedoch nicht. Der Fuchs, die Maus, das Eichhörnchen, der Dachs, der Uhu, das Reh, der Hirsch, eigentlich alle Tiere des Waldes kennen und mögen ihn sehr.

Stupfs allerbester Freund wohnt am anderen Ende des Waldes. Weil es wirklich sein aller-, aller-, allerbester Freund ist, hat Stupf ein Bild von ihm aufgehängt, direkt über seinem Bett, wo er ihm jeden Abend eine «Gute Nacht» und gleich nach dem Aufwachen einen «Guten Morgen» wünschen kann.

Was denkst du, wer ist auf dem Bild?

2.12. mit geschlossenem Fenster


«Guten Morgen, Bruno Bär», begrüsst Stupf seinen allerbesten

Freund im goldenen Bilderrahmen.

 

3. Dezember

«Heute werde ich dich überraschen!» Der kleine Zwerg lächelt verschmitzt, kratzt sich am Kopf und zieht seine Fliegenpilzmütze an. Bruno Bär machte früher im Winter jeweils einen Winterschlaf, so wie das normale Bären eigentlich machen. Aber Bruno Bär ist ein spezieller Bär. Seit ihm Stupf von Weihnachten vorgeschwärmt hat, stellt er immer den Wecker auf den Morgen des 1. Dezembers. Die aufregende Adventszeit möchte er sich nie mehr entgehen lassen!

Stupf konnte gestern lange nicht einschlafen. Er freut sich auf das bevorstehende  Weihnachtsfest mit den Waldtieren, das er dieses Jahr wieder organisieren möchte. Vor
lauter Aufregung ist er nie mehr müde. Ausserdem hat er noch vieles zu erledigen. Gestern Abend hat er aus glänzendem Goldpapier 105 Sterne ausgeschnitten und zur
Dekoration an die dunklen Höhlenwände gehängt. Nun funkelt und glitzert es überall. Stupf betrachtet zufrieden sein Werk.

Auch heute möchte er sich nicht ausruhen. Schnell packt er sein Wanderbündel und stellt es am Höhleneingang bereit. Gleich nach dem Frühstück möchte er aufbrechen.
Heute will er ans andere Ende des Waldes reisen und seinen Freund Bruno Bär besuchen. Sein Besuch soll eine Überraschung werden. Deshalb ist Stupf gleich doppelt
so aufgeregt. Er freut sich auf die grossen Augen seines Freundes, wenn er sein Wanderbündel aufschnürt und ihm erzählt, was er mit ihm vorhat!

Weisst du, was im Wanderbündel steckt?

3.12. mit geschlossenem Fenster

 

Im Beutel steckt ein Wallholz.

 

4. Dezember

Stupf möchte gemeinsam mit Bruno Bär Weihnachtsguetzli backen. Die Sorte mit Honig mag sein Freund besonders gern. Mit Bruno Bär wird es bestimmt sehr gemütlich. Sie werden den ganzen Tag in der Küche werken und Weihnachtslieder singen. Zum Schluss werden natürlich alle Sorten probiert. Stupf kann es kaum erwarten.

Schnell schnappt er sein Wanderbündel, schliesst den Eingang zu seinem Höhlenreich und spaziert fröhlich hinunter zum Rabenbach. Brrr, es ist immer noch bitterkalt. Stupf zieht seine Fliegenpilzmütze über die Ohren.

Am Ufer des Rabenbachs sieht der kleine Zwerg sein Fliegenpilzboot. Es schwankt im eisigen Wind hin und her. Wenn Stupf seinen Bärenfreund am anderen Ende des
Waldes besuchen möchte, braucht er nur in sein Boot zu hüpfen. Dann geht es von alleine bachabwärts bis zu Brunos Höhle. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde. Müsste Stupf den Weg zu Fuss zurücklegen, wäre der Zwerg drei Tage und drei Nächte unterwegs!

Für den Heimweg darf Stupf, zusammen mit seinem Fliegenpilzboot, jeweils auf Brunos Rücken steigen und sich an seinem Fell gut festhalten. Sein Freund braucht für den Heimweg nur eine halbe Stunde, denn er ist gross und stark.

So, nun hat Stupf das Ufer des Rabenbachs erreicht. Er wirft sein Wanderbündel ins Fliegenpilzboot und möchte gerade einsteigen, als er im Bach etwas entdeckt. Sein
Blick schweift weiter bachabwärts. Das, was er da sieht, gefällt ihm gar nicht.

«Oh nein», sagt Stupf enttäuscht und setzt sich traurig in den kalten Schnee.

Was hat Stupf im Bach entdeckt?

4.12. mit geschlossenem Fenster


Oje! Eisschollen!

 

12. Dezember

«Uaaah», gähnt Zwerg Stupf. Er hat die halbe Nacht eine Lösung gesucht und ist gleich am  Küchentisch mit dem Kopf auf den Armen eingeschlafen. Für seinen Plan braucht er jedoch die Mithilfe der Waldtiere. «Es wird klappen», denkt Stupf. «Weihnachten werden wir mit
Bruno Bär feiern!»

Gleich nach dem Frühstück macht sich Stupf auf den Weg. Sein erstes Ziel ist Familie Stachel. Die Igelfamilie wohnt ganz in der Nähe der Zwergenhöhle. Papa Igel hat seiner Familie aus Laub und Ästen ein warmes Nest gebaut, in dem sie nun den kalten Winter verbringt. Als Stupf vor der Igelwohnung steht, ist es ganz still, eigenartig still. Familie Stachel ist doch hoff entlich nicht in die Ferien gefahren? Stupf klopft an die Haustüre. Nichts. Er legt sein Ohr an die Tür und horcht. Da hört er ein leises Geräusch. Es tönt wie … Schnarchen! Leise öffnet Stupf die Tür einen Spaltbreit und steckt seinen Kopf hinein. Mama, Papa und der kleine Igel Sebastian schlafen zusammengerollt tief und fest. Stupf räuspert sich. Sebastian erwacht als Erster.

«Mama, Papa, wacht auf! Stupf besucht uns!»
«Ja, guten Tag, Stupf», begrüsst ihn Mama Igel müde.
«Ist denn schon Frühling?»
«Nein, nein», erwidert Stupf.

«Aber bald ist Weihnachten und ich brauche dringend eure Hilfe!»
«Weihnachten? Wir haben noch nie Weihnachten gefeiert», erklärt Papa Igel. «Wir machen in der kalten Jahreszeit einen Winterschlaf und erwachen erst im Frühling wieder.»
«Oh, oh, oh», stottert Stupf. «Das tut mir leid, ich wollte euch nicht wecken.» Er hält seine Fliegenpilzmütze in den Händen und schaut beschämt zu Boden. «Weihnachten! Wir feiern Weihnachten!», jubelt der kleine Igel.
«Kein Problem», schmunzelt Herr Stachel. «Wir können ja nach Weihnachten noch einmal eine Runde schlafen. Wie dürfen wir dir helfen, Stupf?»

Da erzählt der Zwerg die ganze Geschichte und schildert ihnen seine Idee, wie sie Bruno Bär gemeinsam helfen könnten. Familie Stachel hört aufmerksam zu und ist plötzlich hellwach.

«Wir würden dir gerne helfen», sagt Mama Igel. «Aber ich befürchte, dass wir draussen schrecklich frieren werden! Wir Igel sind es nicht gewohnt, im Winter draussen im Schnee zu sein.»
«Ich habe eine Idee!», ruft Stupf. «Ich bin gleich wieder zurück!»

Schnell springt er auf und läuft nach Hause. Zurück kommt er mit einem blauen Paket. Die Igelfamilie versammelt sich neugierig um das Geschenk. «Damit werdet ihr nicht frieren», verkündet Stupf. «Vielen Dank, dass ihr mir helft!»

Was ist wohl im Paket drin?

12.12. mit geschlossenem Fenster

Es ist ein warmer Schal für den Igel.

13. Dezember

«Als Nächstes besuche ich Rosamunde», beschliesst Stupf. Rosamunde ist eine ältere Spinnendame. Ihr Zuhause ist eine Burgruine, die sie zusammen mit vielen Fledermäusen bewohnt. Rosamunde ist im Wald berühmt für ihre starken Spinnennetze. Sie sind so stark, dass man darauf sogar Trampolin springen kann. An verregneten Tagen verwandelt Rosamunde die Burgruine in ein riesiges Springparadies. Man kann von einem Spinnennetz
zum anderen springen oder über die Mauern der Burgruine balancieren. Wer müde ist, kann sich in einem Netz wie in einer Hängematte ausruhen.

Rosamunde hat noch eine andere Begabung. Sie ist eine wundervolle Geschichtenerzählerin. Ihre Spezialität sind Gruselgeschichten. An dunklen Herbstabenden lädt sie die Waldtiere und Stupf zu sich in die Burgruine ein. Wenn draussen der Herbststurm tobt, der eisige Wind durch die Ritzen pfeift, der Regen auf den Waldboden prasselt und die Burgruine im Schein der Kerzen gespenstisch schön erstrahlt, versammeln sich die Tiere und der Zwerg um die Spinne und vergessen für eine Weile die Zeit.

Stupf steht am Eingang der Burgruine.

«Rosamunde!», ruft er. Seine Stimme tönt laut im Innern der Burg. «Wo bist du?»

«Ich bin hier oben am Fenster», ertönt Rosamundes Stimme. «Warte, ich komme runter zu dir!» Die Spinne lässt sich an einem Faden zu Boden gleiten. «Ich bin gerade am Basteln für Weihnachten», erklärt Rosamunde. «Ich webe Topflappen.»

«Schön, dich zu sehen», sagt Stupf. Er bewundert Rosamunde für ihren Fleiss und ihre tollen Ideen. Sie scheint sich nie auszuruhen. «Ich brauche deine Hilfe», fährt Stupf fort. Der Zwerg erzählt vom grossen Unglück und dass er nicht ohne Bruno Bär Weihnachten feiern möchte.

«Oje, der arme Bruno», seufzt Rosamunde voller Mitleid. «Klar werde ich dir helfen! Ich befürchte nur, dass ich draussen im Schnee zu kalt haben werde … Hier in der Burg bin ich doch etwas geschützt gegen die eisigen Temperaturen.»

«Ich hab dir etwas mitgebracht», sagt Stupf geheimnisvoll. Er zieht ein gelbes Paket hinter seinem Rücken hervor. «Damit wirst du nicht frieren», sagt er. «Danke, dass du mir hilfst!»

Was kriegt Rosamunde geschenkt?

13.12. mit geschlossenem Fenster


Es sind warme Socken für die acht Spinnenbeine.

 

14. Dezember

Weihnachten rückt immer näher. Jeden Tag ein Stück mehr! Stupf freut sich, dass Familie  Stachel und Rosamunde ihm ihre Hilfe zugesichert haben. Er ist voller Zuversicht, dass dies auch die übrigen Tiere noch tun werden.

Am heutigen Morgen macht er sich auf den Weg zum Funkelteich. In einer Vollmondnacht oder an einem sonnigen Tag glitzert und funkelt der Teich, als wäre er mit Tausenden von Diamanten gefüllt. Daher der Name Funkelteich. In diesem Teich wohnt Familie Biber. Die
Biber bezeichnen sich als die reichsten Tiere des Waldes, weil sie ein so kostbares und wunderschönes Zuhause haben. Familie Biber ist jedoch nicht geizig, sondern teilt
ihr Glück gerne mit den übrigen Waldbewohnern. So organisiert sie in jeder klaren Vollmondnacht ein Mitternachtsschwimmen. Alle, die Lust haben, dürfen dann im
funkelnden Wasser schwimmen oder sich von den Bibern in einem kleinen Boot über den Teich ziehen lassen.

Als der Zwerg das Ufer erreicht, dreht Papa Biber gerade seine Morgenrunden im Teich. Papa Biber pflegt immer zu sagen, dass Schwimmen die beste Sportart sei, um sich
fit zu halten. Stupf schwenkt seine rote Fliegenpilzmütze zum Gruss. Papa Biber taucht auf und strahlt übers ganze Gesicht, als er den Zwerg sieht.

«Was für eine schöne Überraschung! Guten Morgen, mein Freund!», sagt der Biber.

«Wer ist da?» Ronja, die Tochter von Papa Biber, streckt ihren Kopf aus der Biberburg.

«Guten Morgen», sagt Stupf. «Schön, dass es euch gut geht. Meinem Freund Bruno Bär geht es leider gar nicht gut. Er hat sich das Bein gebrochen. Deshalb brauche ich eure Hilfe. Ich plane ein grosses Weihnachtsfest unter der hohen Tanne bei der Waldlichtung. Die Waldtiere helfen mir, Bruno Bär an diesen Ort zu bringen, damit er mit uns feiern kann. Bruno Bär kann sich jedoch mit seinem gebrochenen Bein nicht in den Schnee setzen. Er braucht ein Bett. Ihr habt so gute Zähne. Eure Biberburg habt ihr ja auch selber gebaut. Wäre es euch möglich, für Bruno Bär unter der hohen Tanne ein Bett zu bauen?»

«Das machen wir sehr gerne», erwidert Papa Biber. «Das geht wirklich nicht, dass Bruno Bär alleine Weihnachten feiern muss.»

«Vielen Dank, dass ihr mir helft!», freut sich der Zwerg.

Warum hat Familie Biber eigentlich so gute Zähne?

14.12. mit geschlossenem Fenster

 

Natürlich, Biber putzen sich die Zähne!

 

 

 

Zwerg Stupf und das Geheimnis des Steins

Mitten im Wald, zwischen hohen Tannen am Ufer des Rabenbachs, befindet sich eine kleine Höhle. Dort wohnt Zwerg Stupf. Stupf ist der einzige Zwerg im Wald. Einsam fühlt er sich deshalb nicht. Die Tiere sind seine Freunde und gemeinsam erleben sie so manches Abenteuer. Ich bin gerade auf dem Weg zu ihm. Kommst du mit?

Das letzte Mal, als ich Zwerg Stupf im Wald besuchte, bedeckte eine dicke Schneedecke den Boden. Die Tage waren kurz und kalt. Doch nun hat der Frühling im Wald Einzug gehalten. Bleib mal kurz stehen und schau dich um! Siehst du die vielen prächtigen Farben? Die Bäume haben wieder neue Blätter bekommen und in der Wiese wachsen wunderschöne Blumen. Hörst du das Plätschern des Rabenbachs und die vielen Geräusche rundum? Da zwitschern Vögel, zirpen Grillen und summen Bienen. Wir folgen dem Rabenbach und spazieren tiefer in den Wald hinein. Da vorne stehen hohe, mächtige Tannen und dort, hinter den Bäumen, ist Zwerg Stupfs Höhle.

Stupf ist seit Sonnenaufgang auf den Beinen. Gleich nach dem Frühstück hat er mit dem Frühlingsputz begonnen. Zuerst holte er im Rabenbach frisches Wasser. Damit schrubbte er die Fenster, seine Fliegenpilzbadewanne und die Fussböden. Anschliessend staubte er die Regale ab und klopfte alle Teppiche aus. Nun wischt er gerade mit einem Besen den
Vorplatz seiner Höhle. Fröhlich pfeift er bei der Arbeit. Der Zwerg hält sein Zuhause wirklich gut im Schuss. Nun ruht er einen Moment aus und wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiss von der Stirn. Er lächelt, lehnt gegen einen Baumstamm und betrachtet zufrieden sein Werk. Seine Höhle erstrahlt in neuem Glanz, frisch aus dem Winterschlaf erwacht.

Wer Stupf besucht, dem sticht sofort ins Auge, dass es in seiner Wohnung nur so von  Fliegenpilzen wimmelt! Da gibt es Fliegenpilzvorhänge, eine Fliegenpilzbettdecke, eine Fliegenpilzuhr, ein Fliegenpilzsitzkissen, Fliegenpilzpantoffeln und noch vieles mehr. Nur essen darf Stupf den Fliegenpilz nicht, weil Fliegenpilze sehr, sehr giftig sind. Aber Stupf mag das Muster mit den roten Tupfen, und er ist überzeugt, dass der Fliegenpilz Glück bringt.

Stupf setzt sich mit einem grossen Glas Beerensaft an seinen Pilztisch und lässt den Blick  in der Wohnung umherschweifen. «Toll sieht es aus, alles so ordentlich. Aber irgendetwas fehlt noch.»

Vor Kurzem klebten wunderschöne Glitzersterne an den dunklen Höhlenwänden und auf dem Esstisch stand eine Kerze. Das machte die Wohnung während der Weihnachtszeit  gemütlich. Nun sind die Wände kahl und der Tisch leer.

«Wie könnte ich den Frühling in meine dunkle Höhle reinholen?», überlegt Stupf und  streicht sich nachdenklich über den langen Bart.

«Ich habs!», ruft Stupf freudig und kramt aus einem Schrank eine grosse Blumenvase hervor. Er füllt sie mit Wasser und stellt sie auf den Tisch. «Nun fehlen nur noch die Blumen!»

Schnell schnappt sich Stupf einen Korb, packt noch seine Picknickdecke und einen kleinen Leckerbissen ein und spaziert los. Beim Beerensammeln im letzten Sommer hatte Stupf eine wunderschöne Blumenwiese auf einer Waldlichtung entdeckt. Da will er nun hin. Auf einem Baumstrunk vor Stupfs Höhle sitzt ein Spatz.

«Wohin gehst du Stupf?», möchte der neugierige Vogel wissen. «Ich suche den Frühling!» ruft der Zwerg fröhlich und hüpft winkend davon.

Der Weg führt ihn über Stock und Stein, entlang verspielter Bächlein. Immer mal wieder bleibt der Zwerg stehen und schaut hoch zu den Baumkronen. Die Sonne blickt durch das
noch lichte Blätterdach. Ihre Strahlen erwärmen die Erde und lassen den Wald glitzern und funkeln. Wohin der Zwerg auch schaut, überall entdeckt er Leben. Am Baumstamm  krabbeln Ameisen hoch, auf der Wurzel sitzt ein Käfer, am Wegrand flattert ein Schmetterling, im Sonnenlicht tanzen Insekten und am blauen Himmel zieht eine Vogelschar vorbei. Stupf streckt seine Arme aus und dreht sich im Kreis. «Es ist so schön,
dass ihr nach den kalten Wintertagen alle wieder da seid», jauchzt der Zwerg und lässt sich glücklich ins weiche Moos plumpsen. Genüsslich beisst er in sein mitgebrachtes Konfi-türenbrot. Ja, hier im Wald hat er wirklich ein wunderschönes Zuhause.

Frisch gestärkt legt Zwerg Stupf den letzten Teil des Weges zurück. Nun liegt sie vor ihm, die Blumenwiese. In allen Formen und Farben strahlen die Frühlingsblumen um die Wette.
Stupf stellt seinen Korb auf den Boden und pflückt einen Blumenstrauss. Die Sonne brennt auf seine Fliegenpilzkappe. Der Zwerg pfeift ein munteres Frühlingslied. Der Strauss in
seinen Armen wird grösser und grösser.

«Guten Tag!» Stupf hält inne. Hat da nicht jemand gesprochen? Merkwürdig, er kann gar niemanden sehen. Stupf lauscht, aber ausser dem Summen der Bienen und dem Zirpen
der Grillen hört er nichts.

Doch als er gerade weiterpflücken will, ertönt die tiefe Stimme ein zweites Mal: «Sind Sie noch da?» Stupf runzelt die Stirn und stammelt: «Ja, ja, ich bin hier. Wer spricht denn da?»

«Ich bin hier, gleich neben dem Haselnussstrauch.» Stupf legt seinen Blumenstrauss in den Korb und nähert sich neugierig der geheimnisvollen Stimme. Er kratzt sich am Kopf.

«Tut mir leid, ich sehe nur Äste, Tannzapfen und einen Stein», sagt der Zwerg und zieht ratlos seine Schultern hoch. «Ich bin der Stein», erwidert die tiefe Stimme. «Kommen Sie doch bitte etwas näher.»

Stupfs Neugierde wächst. Ein Stein, der sprechen kann? Im ganzen Wald hatte er noch nie einen sprechenden Stein gesehen! Stupf berührt den Stein, der an der prallen Sonne steht
und schon richtig aufgewärmt ist. Er geht um den Stein herum und staunt nicht schlecht, als ihn zwei grosse Augen anschauen und ein Mund sich zu einem Lächeln formt.

«Sie sind der Erste, der mich hört, seit ungefähr…», der Stein legt die Stirn in Falten und überlegt, «… seit ungefähr Tausend Jahren. Wären Sie so freundlich und würden Sie mir sagen, was hinter mir liegt?» «Wie meinen Sie das?» fragt Stupf zögernd.

Der Stein räuspert sich. «Nun ja, seit ich mich erinnern mag, blicke ich immer in die gleiche Richtung. Ich sehe nur den Haselnussstrauch. Ich wüsste zu gern, wie es hinter meinem
Rücken ausschaut. Klettern Sie auf meinen Kopf und beschreiben Sie mir, was Sie sehen. Bitte…!»

Stupf kraxelt hoch. Oben stellt er sich auf die Zehenspitzen. Er blinzelt gegen die Sonne und berichtet: «Sie befinden sich am Rande einer grossen Waldlichtung. Hinter Ihnen liegt eine wunderschöne Blumenwiese. Die Blumen leuchten in allen Farben. Auf den Blüten sitzen Schmetterlinge und in der Luft  fliegen Bienen.» «Das tönt toll», meint der
Stein. «Was sehen Sie noch?»

«Ich sehe viele hohe Tannen und Sträucher, welche im Sommer rote Beeren tragen. Vögel  attern durch die Lüfte und hoch am Himmel steht die Sonne. Am Abend wird die Sonne
hinter den Tannen am Horizont untergehen. Dann kommt die Nacht und alles versinkt in Dunkelheit.»

«Ach», seufzt der Stein. «Wie gerne würde ich das alles sehen…» Plötzlich erhellt sich das Gesicht des Steins. «Wäre es vielleicht möglich, dass Sie mich drehen könnten?» Seine
Augen leuchten hoffnungsvoll.

Stupf hüpft zurück auf den Boden. «Ich mache zwar jeden Tag Morgenturnen, aber ich denke, dass meine Kraft dazu nicht ausreicht.» Der Zwerg krempelt seine Ärmel zurück und spuckt sich in die Hände. «Aber versuchen kann ich es ja.»

Stupf und der Stein zählen gemeinsam bis drei und wagen dann den ersten Versuch. Helfen Sie zählen? «Eins, zwei, drei!» Und noch einmal: «Eins, zwei, drei!» Es hat keinen Zweck. Der
Stein rührt sich keinen Millimeter. Keuchend setzt sich der Zwerg auf den Waldboden. «Es tut mir leid», sagt Stupf leise. «Ich bin zu schwach. Ich kann Ihnen leider nicht helfen.»
«Danke, dass Sie es versucht haben. Das ist wirklich sehr lieb von Ihnen.»

Eine Weile bleibt es still. Stupf denkt nach. Plötzlich springt er auf und ruft laut: «Ich habs! Ich kann Ihnen helfen. Ich selbst zwar nicht. Ich bin klein und schwach. Aber ich kenne  jemanden, der ist gross und stark!»

«Mein bester Freund, mein allerbester Freund, das ist Bruno Bär. Er wohnt am anderen Ende des Waldes. Er ist gross und stark», sprudelt es aus dem Zwerg heraus. Vor Freude  hüpft er von einem Bein auf das andere.

Der Stein hört aufmerksam zu. Seine Augen leuchten hoffnungsvoll, verdunkeln sich aber  gleich wieder. «Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, dass Sie mir helfen möchten, aber ich
denke nicht, dass Ihr Freund diesen langen Weg auf sich nimmt, nur um mir zu helfen.» Der Stein blickt traurig zu Boden.

«Warum denn nicht?» fragt Stupf verständnislos. Der Stein seufzt, schaut den Zwerg kurz an, senkt aber sogleich wieder seinen Blick, als würde er sich schämen. «Ich bin nur ein Stein, nichts Besonderes, einfach ein gewöhnlicher, grauer Stein. Ich habe nicht einmal einen Namen. Es gibt Steine, die sind weiss und glitzern im Sonnenlicht. Ab und zu kommen Menschenkinder in den Wald. Ich höre, wie sie «Edelsteine» suchen und
ihre Schätze stolz nach Hause tragen. Mich beachtet niemand. Gar niemand …»